DAS ENDE IST MEIN ANFANG - Filmkritik

Vorschau: 

Noch hat man den öffentlichen Tod des Regisseurs Christoph Schlingensief vor Augen, der nicht hinnehmen wollte, einfach aus der Mitte des Lebens herausgerissen zu werden und deshalb die Auseinandersetzung auch auf der Bühne suchte. Da kommt nun ein anderer auf uns zu, der behauptet, dass der Tod doch etwas sehr Leichtes sei. Man müsse nur aufzugehen wissen in der Natur und im Kreislauf des so genannten Werdens und Vergehens. Der italienische Autor und frühere Asienkorrespondent für den „Spiegel“, Tiziano Terzani, äußert derlei in Jo Baiers Spielfilm „Das Ende ist mein Anfang“ mit einiger Überzeugungskraft. Was nicht verwunderlich ist, wenn man bedenkt, dass immerhin Bruno Ganz den charismatischen Ex-Reporter spielt, der im Juli 2004 verstarb

Es ist schon ein gewaltiges Unternehmen, das sich der Produzent Ulrich Limmer und sein Regisseur Jo Baier samt Team da aufgeladen haben. Fast 100 Minuten lang müssen sie schließlich den Zuschauer dazu verführen, Terzanis Monologen zu lauschen, in einer Umgebung, die nicht unbedingt dazu angetan ist, zur äußersten Konzentration zu zwingen - im Garten des Terzani-Landhauses mit Blick auf Berge des Apennin.

Der Film ist geradezu ein Laborversuch: Immer wieder richtet Sohn Falco (Elio Germano, der in Cannes als bester Darsteller ausgezeichnet wurde) die Mikrofone her, lässt den Vater sprechen, um dessen gesammelte Erfahrung und Weisheit für die Nachwelt zu retten. Auf eigenen Wunsch, doch zunehmend irgendwie auch auf Kommando, reflektiert der über seine früheren Erlebnisse als Asienkorrespondent: über seine Sympathien für Mao, den „Dichter“ und „Strategen“, der sich dann doch als Mörder entpuppte, über die Freude in Saigon nach der Befreiung. Und über die Bedrohung in Kambodscha durch die Roten Khmer, die ihm eine Pistole an die Schläfe hielten, um ihn zu dem Geständnis zu zwingen, ein CIA-Agent zu sein. Der Verlust revolutionärer Illusionen führt schließlich zum Rückzug in die Berge des Himalaja und zum Verlangen nach Selbsterkenntnis. Ändere dich selbst, dann änderst du die Welt.

Das alles erscheint einem nicht neu, vielleicht hat man es ja sogar damals im „Spiegel“ gelesen. Doch eine Rekapitulation der Enttäuschungen und der unerfüllt gebliebenen Utopien ist „Das Ende ist mein Anfang“ dann glücklicherweise doch nur zum geringeren Teil. Immer stärker rückt die Würde des Sterbens in den Mittelpunkt. Dabei stehen die körperlichen Qualen des Todkranken zu dessen frei fliegenden buddhistisch-pantheistischen Gedanken im krassen Widerspruch. Sich in der Erinnerung als Marienkäfer im Himalaja zu sehen, der fort ins weitere Leben fliegt, ist eben nur die eine Seite der Betrachtung, die schwere Krankheit und das Gebrechen die andere.

Bruno Ganz, der mithilfe eines Vollbarts seinem zuletzt guruhaften Vorbild in den toskanischen Bergen durchaus nahe kommt, leistet schauspielerische Höchstleistung beim minutenlangen Reflektieren, aber auch Witz und schwarzer Humor (Sichtotstellen beim Einkauf im Dorf) sind ihm vergönnt. Feine Bizarrerie, wenn der Vater (wie jeder Vater) sich vom Sohn die selbst nicht eingehaltene gerade Karrierelinie erträumt. Einen eher undankbaren Part, man muss es sagen, hat bei all dem Erika Pluhar übernommen, die im Heim als Ehepartnerin das stille Hausmütterchen spielt. Dabei ist Terzanis Frau Renate Mönckeberg ja selbst eine emanzipierte Autorin.

Wer Terzani bislang nicht kannte, dem wird er vielleicht auch am Ende des Films, einer deutsch-italienischen Koproduktion mit vielen Sendern (BR, ARTE, RAI), trotz großer Schlussapotheose mit Gipfelerklimmung (fantastische Kamera: Judith Kaufmann) und Urnenbeisetzung unter der Hauskastanie nicht unbedingt zum posthumen Freund geworden sein. Aber er hat dann eine recht schwerelose Auseinandersetzung mit dem Tod und dem Sinn des Lebens hinter sich, wie man sie derzeit im Kino (und selbst im Fernsehen) nur noch selten findet. Und er hat einen spannenden Widerspruch zwischen der Schwere der Schmerzen und scheinbar leicht hinfliegenden Gedanken erlebt.

Bewertung

Film: überzeugend

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